Zum Andenken an meine leider viel zu früh verstorbene Mutter,

Ilse Blam, möchte ich hier ihre zeitlosen Gedichte veröffentlichen.

 

Im Regen

Ein Tropfen saß an einem Ast.
Er sprach zu einem andern:
"Was Du nur hier zu sitzen hast!
Geh rüber ich will wandern !"


Sie kamen sich nicht gütlich bei
bis sie zusammensaßen.
Vereinter Tropfen war zu schwer.
Er fiel und starb im Rasen.

Da halt ich manchmal angebracht
auch gegen das Prinzip,
dass man den Wirrkopf zeihen lässt
der Friedlichkeit zulieb.  

Ilse Blam /September 1971

***

 

Kannst Du das?

Ein Esel spricht:
"Ich bin so dumm,
kann mein ´ I A ` nur sagen.
Und außerdem verstehe ich
nur Lasten noch zu tragen!" -

Sei still, mein Freund,
von Klugheit zeugt,
der Standpunkt Deiner Sicht. -
Wer seine eignen Grenzen kennt
und ehrlich drüber spricht,
den mangelts nie an der Vernunft. -
Selbst mancher Mensch kann‘s nicht!
 

Ilse Blam /September 1971

*** 

 

Auch keinen Krieg mehr !

Es schafft sich manch Ehepaar Kinder an.
Wie schade darum, wie schade,
wär doch ein Baby aus Marzipan,
Ein Kind aus Schokolade !

Es ist leicht zu raten
wie sich‘s dann verhält:
Nur liebe Menschen bevölkern die Welt.
Die Bösen unterdessen
wär‘n nach dem ersten Ärger schon -
alle aufgefressen!  

Ilse Blam /September 1971

***  

 

Diagnose

Wenn Du alles so leicht nimmst,
wie der Nachbarn Sorgen,
jede Arbeit von Dir schiebst
und verlegst sie auf morgen.
Wenn all das, was Du nicht hast
das Schönste Dir dünkt,
und bist Du sein Besitzer,
schon das Nächste Dir winkt.
Wenn Du glaubst die Genüsse
sind für Dich nur auf Erden.
Und so klug wie Du selbst bist,
kann kein Freund von Dir werden.
Wenn Du glaubst in allen Dingen
hast nur Du immer recht.
Ach, wie bist Du so gütig
nur die Andern sind schlecht!
Weißt Du dazu noch das Datum,
und die Erde ist rund -
bist Du wohl nicht der Beste, -
aber Du bist gesund!
 
Ilse Blam /September 1971
 
***

 

Zeit vertreiben!

Einige alte Leut mit Falten
wollten diese nicht behalten.
Sie machten ein Geschrei
die Jugend wär vorbei!

Sie bügelten und schniegelten,
sie drückten und sie spiegelten,
sie cremten und sie punselten,
die Wangen, die Verrunzelten.

Die Tage wurden wärmer
und wurden wieder kälter.
Die Alten schniegeln heute noch -
und werden immer älter!  

Ilse Blam /September 1971

***

 

Man sagte erst:

Gott hat die Welt erschaffen
mit Adam und Eva - ganz ohne Affen.
Und um ihre Fortpflanzung nicht zu gefährten
erfand er die Lust und die Liebesgebärden.
Ein Schelm, der wußte wie sich die Welt
und seine Gefolgschaft weiterverhält,
bewerkelt er listig so dieses Problem -
mit Liebe - und nicht so ganz unangenehm.

Ich seh meine Kleine
und nun ist mir klar,
dass Schabernack wirklich
ihr Ursprung war !  

Ilse Blam /September 1971

***  

 

Rollt immer

Ich sehe die Menschheit als Gütertransport.
Er fährt durch alle Zeiten
beladen, rand- und übervoll,
mit Lasten, wie: Kummer und Leiden.

Bepackt wird er von jedem Land
mit Schutt, Geröll und Sptitt.
Regenten und Regierungen
verfrachten Dynamit.

So fährt er immer fort und fort.
Nur eines hat er nie gefahren;
geruhsam, in friedlicher Stetigkeit:
Eine Reihe von glücklichen Jahren!  

Ilse Blam /September 1971

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Lese 71

Ein Dichter stand im Weinberg
im rebenreichen Jahr.
Er pflückte still und emsig
was zu erreichen war.

Der Trauben erste Güte
die hängen hoch hinaus.
Die pflücken nur die Großen
und pressen Saft daraus.

Der Dichter ist zufrieden
mit dem, was er gebracht.
Nun keltert er und filtert
zuhaus die ganze Nacht.

Den Wein wird keiner rühmen
als süffig`s Meisterstück.
Die Kenner werden lächeln
des sauren Hausmannglück.

Der Dichter sitzt voll Andacht
bei seinem eignen Wein.
Er schlürfet ihn genüßlich
als tränk er Sonnenschein!  

Ilse Blam /Oktober 1971

***  

 

Fehlkonstruktion

Die Statistiker, die knobeln
mit Computer Rechenfluss:
Zukünftige Welternährung
und Geburtenüberschuss.
Schwitzend suchen sie den Ausweg.
In der Zukunft ahnt man schon,
ohne Bremsung dieses Segens,
eine große Explosion!
 
Doch der Fehler ist schon damals
in der Urzeit einst passiert,
weil der Vater aller Dinge,
Adam falsch hat installiert! ---
Mädchen sollt die Frau gebären
und der Mann bekäm den Sohn,
schon im Hinblick auf die Ferne
Frauenemanzipation!
 
Wechselseitig dies betrieben:
Einmal Er und einmal Sie -
Es gäbe eine zweite Tochter,
einen zweiten Sohn gäb's nie! -
Ja, da sitzt ihr nun und rechnet.
Ich weiß auch nicht, was noch wird!
Hätte sich der alte Herrgott
nur nicht so total geirrt!

Ilse Blam /Oktober 1971

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Katzenwirtschaft

An den Tisch auf leisen Sohlen
kommt die graue Katze,
sich die Leckerbissen holen,
zu dem alten Platze.
 
Da mit Schmeichelein und mit Streicheln,
und mit bittendem: "Miau!",
gibt ihr jeder was sie möchte! 
Opa, Vater, Kinder, Frau.
 
Unsre graue Katz kann schnurren.
Unsre Katze kennt genau,
Resultat und die Benutzung 
und dem Katzenwort: Miau!
 
Heute hat der Vater Eile, er muss in die Stadt,
dass er diese leid'ge Plage; 
die Traktor-Ersatzteilfrage,
bald vom Halse hat.
 
Ehe er davongefahren,
bringt die Frau etwas herbei.
Dieses riecht nach frischer Speckwurst
und nach Schweineschlachterei.
 
"Gib's dem, vom Ersatzteillager,
sag: Für seine Tüchtigkeit!
Mach es nur recht unauffällig,
denn dies ist von Wichtigkeit!"
 
Vater nimmt das kleine Päckchen.
Klug berät ihn seine Frau!
Und erkennt er's selbst nicht immer,
sie weiß bestens ihr: "Miau!" ---
 
Ilse Blam /Oktober 1971
 
***
 
 
 
In meinem Garten
 
Meine Augen sind zur Feier
in dem Saal vom Paradiese:
Alle Bäume mit Kristallen
und wie kostbar meine Wiese!
 
Schnee, du stille weiße Schönheit,
blick voll Staunen und Entzücken,
keiner Worte ist man mächtig,
diese Wunder auszudrücken.
 
Alle meine Wünsche schweigen.
Lautlos füllt dein Zauber mich.
Pracht aus Millionen Sternen,
wie wird mir so feierlich.
 
Muss mich nun beschämend fragen,
da ich dieses alles schaute:
Ist das nun der harte Winter,
vor dem es mich heimlich graute?!
 
Wie im Winter so im Leben,
sieht man oft nur seine Tücken
und man sucht nicht nach der Schönheit,
die uns beide schicken.
 
Ilse Blam /Dezember 1971
 
***

 

Als Anderer

Zum Vogel sprach ein dicker Frosch:
"Ach, hätt ich Deine Flügel,
ich schwäng mich frohgemut hinauf,
flög über Wald und Hügel!"

Der Vogel spricht: "Du bist verrückt,
glaubst gar, ich hätt es besser,
wie schwämme ich so wonnevoll
im Kühlen der Gewässer!"

So geht es oft auf dieser Welt
dass andres man für besser hält.
Und dies Problem, das wird sogar
von Menschen nicht vermieden!
Doch wer mit sich nicht einig ist
ist auch als Andrer nicht zufrieden!  

Ilse Blam / 1972

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Kinderstube

Eine Familie fährt zur Stadt.
Vater und die Mutter hat
seit einer halben Stunde schon
die Kinder belehrt mit Instruktion:

Sprecht hochdeutsch und manierlich
benehmt euch respektierlich
kichert nicht wie Gäns daher
und bedenkt, - wir sind ja wer!

Faßt in Geschäften nicht alles an.
Kauft nicht jeden Kitsch, den ihr seht -
Haltet euch gerade, denkt daran -
Passt auf, dass ihr nicht verloren geht!

Große, das gilt Dir vor allem,
versuch nicht schon immer, den Jungs zu gefallen!
Merkts euch nun, jetzt ist´s genug,
zeigt nochmals Euer Taschentuch! -

Die Ausfahrt verlief ohne Reibung und glatt,
wies Vater und Mutter erbeten hat.
Zufrieden mit Käufen, wie man sie wollte,
die werte Familie dann heimwärts rollte.

Zu Haus hängt nun wieder hübsch sauber am Haken:
Die Hütchen, die Mäntel und´s gute Betragen!  

Ilse Blam/ Oktober 1971

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Es quakt einer

Es war einmal ein Frosch,
der hat sich aufgeblasen.
Sein Quaken hört man teicheweit-
noch übern Lärm der Straßen.

Im Maulaufreißen Akrobat,
beherrscht er die Gewässen.
Im Froschsenat und Grünrockrat,
da wußt er alles besser!

Und alle Fröschlein horchten dann,
voll Ehrfurcht, wie gebannt,
weil sie den Unterschied von Lärm
und Klugheit nicht gekannt!

Nur wenn sein kleines Froschweib sprach:
"Hör auf, jetzt geht es heim!!"
Ließ er sofort die Luft heraus
und hüpfte hinterdrein!  

Ilse Blam/ Oktober 1971

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Erkenntnis

Was ist`s, was die Mutter verstummen lässt,
suchenden Blickes und ernsten Gesichts?
Ein kleines Kärtchen, schwarz auf weiß:
"Erziehung ist Vorbild und Liebe - sonst nichts!"

Das ist´s was die Mutter betroffen macht;
sie fühlt sich so abgewogen!
Der Zwang zum ständigen Vorbild hat,
sie selber am meisten erzogen!  

Ilse Blam /Oktober 1971

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Träumerei

Sag, Väterchen, träumen die Alten auch,
von diesen hübschen Dingen:
von Ruhm, Erfolgen, Siegeslauf,
vom Reiten auf Schmetterlingen?

"Sprich, Väterchen," fragt das ernsthafte Kind:
"so wie die Jungen noch träumen?
Singt ihr mit dem Sturm, sprecht mit dem Wind,
hört auf das Reden von Bäumen?"

Der Alte hat schon viel geschaut
vom wirklichen Erdengeschehn.
Im Kampfe sein tägliches Brot zu erlangen,
ist oft ihm das Träumen verloren gegangen!

Da sitzt er nun still, er denkt und sinnt.
"Ein Mensch träumt zu jeder Zeit!
Die Jugend träumt in die Zukunft, mein Kind!
Wir in die Vergangenheit!"  

Ilse Blam/ Oktober 1971

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Glück

Erst glaubt man das Glück ist ein Himmelanstürmen
um alle die Menschen zu überfliegen -
und küssend und kosend, die Zeiten vergessend,
bei einem geliebten Menschen zu liegen.

Dann glaubt man, das Glück sind die Schätze der Erde,
das Gold und das Geld und manch kostbares Stück.
Man müht sich um all diese irdischen Werte,
und fragt sich doch trotzdem:"Ist das nun das Glück?"

Zuletzt wird man stiller und voller Besinnung,
wie hat man gesucht und gehofft alle Zeit.
Jetzt weiß man, das Glück liegt in ganz kleinen Dingen -
ist Freude und Ruh´ und Zufriedenheit. –  

Ilse Blam /Mai 1972

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Ich bin so froh

Ich bin so froh,
dass ich nicht alles habe,
was ich wünsche. -
Es fehlt mir zur Vollkommenheit noch viel.
Wenn ich mich mühte,
allzufern liegt oft mein Ziel!

Ich bin so froh,
dass ich nicht alles habe,
was ich wünsche.
Und dieser Grundsatz ändert mein Verlangen kaum.
Ich weiß es schon seit frühen Kindertagen:
Mit jedem Wunsch,
der mir erfüllt wird, stirbt ein Traum!

Ich bin so froh,
dass ich nicht alles habe,
was ich wünsche.
Es fehlt mir trotzdem nicht an Zuversicht!
Ich kann mit vielen, vielen Wünschen leben,
doch ohne Träume - kann ich‘s nicht!  

Ilse Blam /Juni 1986

***

 

Krokus

Aus braunem Erdreich, - ungewiß,
wie wird die Welt ihn grüßen,
sah ich aus meinem Gartenbeet,
den ersten Krokus sprießen.

Er war am Mittag voll erblüht,
ein goldner Sonnenschein, in der Runde
auf meinem ganzen Gartenbeet,
war er das einz´ge Bunte.

Wenn ihn die Sonnenwärme traf,
da streckt er seine Glieder,
wenn Regen oder Schnee gar naht,
duckt er sich ängstlich nieder.

Seit heute strahlet er nicht mehr,
so gelb, so farbentrunken.
Die Blütenblätter sind verwelkt,
nun ist er umgesunken.

Die Erde nimmt ihn sich zurück -
Ob kurzes oder langes Glück -
am Ende ist man selber
so´n kleiner Gelber. –  

Ilse Blam /März 1972

***

 

Meine Gedanken

Meine Gedanken sind manchmal flatternde Vögel,
wie Meisen,
kleine blaue, hüpfend und wippend -
Dann geh ich schnell in meine Küche
beginne fröhlich ein nützlich Werk!
 
Meine Gedanken sind manchmal wie weiße Reiher,
sie zeigen Wollust des Schönen, die still in mich einzieht!
Heben das Ich in meinem Bewusstsein,
geben mir Haltung und friedliche Ruh.
 
Meine Gedanken sind manchmal gleich wie Falken
in Freiheit,
fühl schon den Drang, heftig und bohrend,
nach einer Tat erschreckender Wildheit!
In kurzer Zeit schon, werd ich sie tun!
 
Meine Gedanken sind manchmal wie große Spechte,
sie hacken,
mit hartem Schnabel nach Futter.
Sie sind verschwiegen, voller Vorsicht.
Ich geh sofort, und zähle mein Geld!
 
Meine Gedanken sind manchmal wie hässliche Geier
sie sitzen!
Schmutzigen Hasses und starren mich an!
Urtiefe Ängste lassen mich schauern,
Liebster, schnell suche ich Dich!

Ilse Blam /November 1986

*** 

 

Übersicht 

Es kamen zwei Diplomaten
zur wichtigen Diskussion
versehn von zwei Potentaten
mit strenger Instruktion.
 
Auf ihrem Weg zur Versammlung
blickt einer gelangweilt ins Land.
Der andere starr zu Boden,
ob er die Erkenntnis fand.
 
Als da ein Ziegel herunter fiel,
stellt einer sich drauf ein -
doch bei dem heftigen Seitensprung -
er strauchelt und bricht's Bein.
 
Dem andern schlug's ein Loch in Kopf.
Sie brachten ihn nach Haus.
Der ganze wichtige Vertrag -
Es wurde nichts daraus!
 
Wenn einer etwas schaffen möcht,
da kann man ihn nur loben,
blickt aufmerksam er jederzeit
nach unten und nach oben!
 
Ilse Blam
 
***

 

Ich weiß

Ich weiß, du wartest irgendwo
hinter einem Busch, einem Zaun
oder du gehst mir schweigsam nach
und stehst schon hinter mir!
 
Erst schob ich den Gedanken an dich
nur immer von mir ab,
denn meine Gedanken waren für dich
nur Totengerippe und Grab.
 
Wie hat man dich immer verunglimpft,
als harten Sensenmann,
den Menschen Angst und Schrecken zu geben.
Doch der Schmerz bleibt nur denen,
die bleiben.
 
Ich werde einmal mit dir gehen,
wenn du plötzlich lächelnd vor mir bist.
Wir werden zusammen das Buch zuschlagen,
worinnen von mir zu lesen ist.
In meiner allerletzten Stunde,
da sind wir beide allein.
Und du, du wirst mir freundlich zeigen,
der Bruder vom Schlaf zu sein!

Ilse Blam /Karfreitag 1987

***

 

 

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